Dämonisierung von Konflikten

Anfang November war ich bei einem Vortrag von Prof. Dr. Arist von Schlippe, der sich seit Jahren mit Konflikten in Familien, Teams und Organisationen und deren Handlungsmöglichkeiten aus systemischer  Sicht beschäftigt.

Zunächst einmal faszinierte mich, wie viel wir dazu beitragen  können, dass Konflikte eskalieren. Schnell wird ein teuflisches Bild konstruiert. Indem wir  diese Person zum Monster machen und denken, sie sei böse, dumm oder krank.  Dadurch wird die Verantwortung verschoben. Der andere ist schuld, dass es soweit gekommen ist. Sogar wenn der Gegenüber Einlenken signalisiert, kann es passieren, dass selbst dieses Einlenken als „böse Absicht“ interpretiert wird.

Wenn eine Situation so richtig verfahren ist, entstehen nach Prof. von Schlippe –  „dämonische Narrative“  – Erzählstrukturen  in dem der andere zunehmend negativ beschrieben wird. Die Bindung zwischen den betroffenen Personen wird zerstört.

Der andere wird immer mehr zu dem, wie wir ihn uns erzählen. Wir werden zu den Verfassern der anderen. Die Wechselseitigkeit enwickelt ihre Dynamik, die Wahrnehmung wird hoch selektiv.

Wie kommt man aus solch gefählichen Gedanken und Konstruktionen wieder heraus? Wie kann eine Deeskalation aussehen?

Von Schlippe weist auf einen  wichtigen Punkt hin: Aussteigen aus dem Kampf um die Macht!  Dabei ist nicht gemeint die eigene Stärke aufzugeben. Im Gegenteil, die eigene Würde und mit sich verbunden sein, ist wichtig.  Er meint die eigene Präsenz betonen (gewaltloser Widerstand) und deutlich machen, dass man nicht am Sieg interessiert ist, sondern an einer Bindungsbeziehung.

Das bedeutet im Besitz der eigenen Stärke zu bleiben. „Bedingungslose Gesten des Respekts und der Wertschätzung“ helfen,  aus  feindseligen Wahrnehmungsfehlern  auszusteigen.  Es sind die Lösungen der kleine Schritte. Ich kann niemanden ändern als mich selbst.

Mit der Sprache kann ich in die Sphäre des anderen eindringen. „Du bist….“ . Andererseits kann ich mit Hilfe der Sprache, meinen eigenen Bereich ohne Übergriff markieren.

In meine Workshops und Coachings kommen Menschen mit Konflikten und dabei oft mit der Frage. Wie kann ich das ansprechen?  Wie gehe ich damit um, wenn mein Gegenüber im Laufe des Gesprächs verärgert wird?

Bei der Gewaltfreien oder Wertschätzender Kommunikation geht es genau darum. Die eigenen Bedürfnissse und die der anderen erkennen und aussprechen, ohne jemanden anzugreifen. Die Technik von Rosenberg macht eine lebensnahe, und alltagstaugliche Umsetzung möglich. Und sie gibt Spielraum. Was sogar Spaß machen kann, weil Gespräche anders verlaufen können und Gefühle sich änderen können.

Literatur: Omer, H., Alon, N. Schlippe, A.v. 2007, Feindbilder. Psychologie der Dämonisierung, Göttingen

 

Der besondere Moment dieser Woche

Es wird viel zu früh dunkel. Aber dann ist es doch wunderschön, wenn ich unter der Woche, nach einem geschäftlichen Termin durch Essen gehe. Mich von den vielen Lichtern der Lichterwochen verzaubern lasse.

2 Gedanken zu „Dämonisierung von Konflikten

  1. Jan Richter

    Hallo Inge,
    bin eben über deine Website gestolpert wegen des schönen Prof. Dr. Arist von Schlippe Blog-Eintrags. Beim Lesen des Satzes „Aber dann ist es doch wunderschön, wenn ich unter der Woche, nach einem geschäftlichen Termin durch Essen gehe“ dachte ich dann „Häh?! Wen ich nach einem Termin etwas essen gehe, wird das doch ganz anders geschrieben.“ Bis mir klar wurde, dass es um die Stadt Essen geht. 🙂
    Fand ich spontan witzig, diese unterschiedliche Hirnverdrahtungen. Wünsche dir eine schöne Zeit.
    Herzliche Grüße
    Jan

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    1. Inge Trunk Beitragsautor

      Hallo Jan,
      ja wer nicht im Pott lebt, denkt bei Essen natürlich erst einmal an sein Grundbedürfnis.
      Danke für deine Rückmeldung. Konflikte sind faszinierend und was von Schlippe herausgefunden hat, hat mir menschliches Verhalten verständlicher gemacht.
      Dir als Mediator viel Freude beim „Vermitteln.
      Herzliche Grüße
      Inge

      Antworten

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